Denis Goldberg – Ein Porträt

Silke Grob am 23. Juni 2010 - Keine Kommentare
Silke Grob

Er war der einzige Weiße, der 1964 mit Nelson Mandela und anderen Freiheitskämpfern vor Gericht stand und verurteilt wurde. Ganze 22 Jahre musste er für seinen Befreiungskampf im Gefängnis büßen. Der Ehrengast des diesjährigen Afrikafestivals besuchte Osnabrück und stellte seinen autobiographischen Roman „Der Auftrag“ vor. Silke Grob sprach mit dem beeindruckenden Freiheitsrechtler. Ein Porträt.

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O-TON Laudator 1 (11)

Oder frei nach Friedrich Schiller: »Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt« „Ich muss dem Protokoll folgen, und erst die Ministerin und anschließend die Frau Bürgermeisterin nennen“, meinte Denis Goldberg im überfüllten Osnabrücker Friedenssaal als Ehrengast zum 7ten Afrikafestival. „Ich komme immer wieder zurück, damit ich das deutsche Abendbrot essen kann, solche wunderbaren Würstchen und das Brot“  Heiterkeit im Saal. Dennis Goldberg meinte es aber ernsthaft. Die Kunst und die Alltagskultur der Menschen, sei ein Fenster ihrer Seele. Als Beispiel zeigte Goldberg die Musik auf. Wie schnell die Osnabrücker ein Lied aus seinem Heimatland erlernt hatten, welches zunächst durch die „Piepmätze“ dem Kinderchor der katholischen Familienbildungsstätte vorgetragen wurde.

Denis Goldberg war gekommen um sein kürzliche erschienenes Buch „Der Auftrag“ vorzustellen. In seiner Autobiografie erzählt der Autor die Geschichte seines außergewöhnlichen Lebens, die zugleich ein Spiegel des langen, schwierigen und oftmals schmerzhaften Weges Südafrikas in die Freiheit ist. »Ich bereue nichts, gar nichts, außer einem Fehler: Ich wurde gefangen genommen« So beginnt Goldberg scherzhaft eine der zahlreichen Lesungen. An dieser optimistischen, lebensbejahenden Haltung hat sich bis heute nichts geändert.

Beim Versuch Goldbergs außergewöhnlichen Lebensweg zu erzählen, scheitert man schnell, denn wie kann ein solches Leben, voller Mut und Zivilcourage, aber auch Trauer, Demütigung und Angst in wenigen Sätzen aufs Papier gebracht werden? Unmöglich! Dennoch ein Versuch.

Geboren wurde der Freiheitskämpfer 1933 in Kapstadt in einem „weißen Arbeiterviertel“. Seine Familie war Ende der 20er Jahre aus England ausgewandert. Goldbergs Großeltern mussten aufgrund von Progromen  zuvor aus Litauen fliehen. Die jüdische Religion spielte jedoch bei der Erziehung des jungen Dennis keine Rolle. Viel wichtiger im Hause Goldbergs war die Politik. Das Haus stand offen für Menschen verschiedener Hautfarben und linker politischer Überzeugungen, obwohl dies gegen die Rassentrennung verstieß. So erhielt Dennis Goldberg im Kindesalter eine wichtige Lektion von seinen Eltern: Allen Menschen unabhängig von ihrer Rasse oder sozialen Schicht, mit Respekt entgegen zu treten.

Noch während des Studiums zum Bauingenieur trat Goldberg einer sogenannten „nichtrassischen“  Jugendorganisation bei. Und engagierte sich gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau Es`me Bodenstein in der Politischen Aufklärung Jungendlicher.

O-TON Goldberg (anf.)

1955 bereitete Goldberg im Umfeld von Nelson Mandela den Volkskongress vor, in welchen die Freiheitscharta beschlossen wurde, das Manifest, das die ANC-Politik bis heute leitet. Sein politisches Engagement  kostete dem jungen Familienvater den Job, den im selben Jahr wurde seine erste Tochter geboren. In den darauf folgenden Jahren trat er einer im Untergrund operierenden kommunistischen Partei bei, seine Frau musste die beiden Kinder, 1957 war der Sohn David geboren, allein aufziehen.

1960 protestierten rund 20.000 Menschen friedlich gegen den »Pass«, das verhasste Papier, das nur schwarze Afrikaner bei sich tragen mussten. Aufgrund dessen wurden 18.000 Menschen verhaftet, darunter auch Dennis und seine Mutter. Wenig später wurden Nelson Mandela und sein engstes Umfeld verhaftet, darunter auch Goldberg. Der berüchtigte Rivonia – Prozess in Pretoria endete 1964 mit lebenslänglichen Haftstrafen für die Verurteilten. Mandela und seine farbigen Mitstreiter wurden auf die Gefängnisinsel Robben Island verbannt, Goldberg als einziger Weißer kam in eine Haftanstalt nach Pretoria. Damals gerade 31Jahre alt, begann eine Haft mit unbestimmter Dauer. Seine Frau ging aus Sicherheitsgründen mit den Kindern ins Exil, ebenso seine Mutter.  Erst nach vier Jahren durfte das Paar sich für einige Stunden sehen, getrennt durch eine Glasscheibe. Bis zum nächsten Wiedersehen vergingen weitere vier Jahre. Anschließend konnte Goldberg erst nach seiner Freilassung, 14 Jahre später seine Frau in die Arme nehmen. Seine Mutter, die 1975 starb sah er nur einmal während seiner Haft zeit.

22 Jahre Gefängnisalltag auf engsten Raum. Immer der gleichen Kulisse, ohne Radio oder Zeitungen stellen eine immense Herausforderung für jeden Menschen dar. Goldberg fand die Außenwelt im Kopf und begann über eine Fernuniversität zu studieren, öffentliche Verwaltung, Geschichte und

Geografie, Bibliothekswesen und wenige Jahre vor der Freilassung noch einige  Semester Jura.

Goldberg 3

Wagen wir einen Bruch. Jahrzehnte später Osnabrücker Friedenssaal.

Dem inzwischen 77-jährigen Appartheitskämpfer, sind die Qualen welche er für den Freiheitskampf seines Landes und dessen farbiger Bevölkerung auf sich nahm, nicht anzumerken.

Goldberg (end)

1985 kam Denis Goldberg frei. In Israel sah er Tochter und Ehefrau endlich wieder. Das Paar fand wieder zusammen, wenn auch nicht ohne Schwierig-keiten. Probleme hatte Goldberg mit seiner Tochter Hilly, die all die verlorenen Jahre nachholen wollte.

Unschuldige Kinder, so seine Schlussfolgerung aus den familiären Dramen, zahlen den Preis für den Befreiungskampf ihrer Eltern.

Goldbergs Tochter Hillary sagte einmal: „Vielleicht sollten Freiheitskämpfer keine Familie haben“ Harte Worte! Viele Jahre brauchten Vater und Tochter für eine Aufarbeitung. Demokratie muss eben erkämpft werden. Lange dauerte es, bis das schwarze Südafrika seinen weißen Helden ehrte. Erst 24 Jahre nach seiner Freilassung, im Jahre 2009 erhält Goldberg eine Ehrung durch Präsident Zuma.


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