Vortrag mit Diskussion: Wozu Ratingagenturen?

Redaktion am 20. April 2012 - Keine Kommentare

Ist ein Staat oder ein Unternehmen noch kreditwürdig? So genannte Ratingagenturen sollen das einschätzen. Mittlerweile haben deren Urteile großen Einfluss auf die Finanzpolitik fast aller Länder der Welt. Auf einer Diskussionsveranstaltung vom 19. April 2012 im Medienhaus der Neuen Osnabrücker Zeitung wurde die Frage nach dem Sinn dieser Agenturen gestellt. Silvia Buttler berichtet für osradio 104,8:

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Wozu brauchen wir Ratingagenturen?“ lautete die Frage eines Vortrages mit Podiumsdiskussion. Ratingagenturen wie Poor&Standard oder auch Moodys bewerten Unternehmen und auch Staaten, ob sie zukünftig ihre Schulden begleichen können oder nicht. Von diesen Bewertungen, den „Ratings“, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen ein Land oder auch ein Unternehmen Kredite bekommt. Werner Rügemer (Universität Köln) erläutert, wem die Agenturen nützen:

“Sinn machen die Ratingagenturen für diejenigen, denen sie ja auch gehören, für ihre Eigentümer, für Banken und für Hedge-Fonds, die eben daran verdienen, möglichst viele Kredite an Staaten, Konsumenten, Unternehmer zu verkaufen. Und Sinn machen die Ratingagenturen natürlich auch für die Banken, die Aktien und andere Wertpapiere möglichst gut benotet haben wollen, damit sie sie mit möglichst hohem Preis an das Publikum verkaufen können!”

Rügemer ist ein Kritiker der Ratingagenturen. Die Agenturen würden nur für die Kreditgeber tätig. Er wirft den Agenturen vor, dass es im geschäftlichen Interesse ihrer privaten Eigentümer sei, dass sich Unternehmen und Länder immer weiter verschulden. Die Bewertungen dieser Agenturen nähmen zu großen Einfluss auf die Politik. Eine andere Meinung vertritt Jörn Quitzau von der Berenberg-Bank:

“Ratingagenturen helfen – wenn sie ihren Job richtig machen – Geldgebern richtig einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie ihr Geld auch vollständig zurückbekommen. Leider hat es in der Vergangenheit öfter mal nicht geklappt. Und deswegen gibt es einigen Handlungsbedarf. Also, mehr Wettbewerb ist auf jeden Fall sinnvoll. Und eine europäische Ratingagentur wäre insofern ein wichtiger Schritt. Allerdings glaube ich, dass uns eine europäische Ratingagentur im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise auch nicht weiterhelfen würde. Ich glaube, dass die Ratings für die europäischen Länder weitgehend richtig sind so wie sie jetzt sind!”

Rügemer dagegen vertritt die Ansicht, man müsse den Ratingagenturen ihren Einfluss auf Politik und Finanzwirtschaft nehmen. Das Gegenargument der Ratingagenturen, dass sie nur Meinungsbilder vertreten, lässt er nicht gelten. Rügemer begründet das so: Banken und Investment-Fonds müssen sich bei der Vergabe von Geldern an Unternehmen und Staaten nach den Bewertungen der Agenturen richten. Das schreiben entsprechende EU-Gesetze vor. Er nennt weitere Argumente, warum er die Ratingagenturen kritisch sieht:

“Die Agenturen schädigen die Mehrheit der Beschäftigten, die dann einspringen müssen, wenn die Staaaten die Zinsen nicht mehr aufbringen können. Dann müssen Staatsbedienstete entlassen werden, dann müssen Rentner auf Rentenanteile verzichten, dann müssen Studenten höhere Studiengebühren bezahlen!”

Rügemer schlägt eine Lösung ohne Ratingagenturen vor: Die Staaten sollten sich nicht immer weiter verschulden. Dazu müssten sie z. B. auf Gewinne und Vermögen höhere Steuern erheben. Er verweist dazu auf die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts, wo in Deutschland deutlich höhere Steuern für Vermögen und Einkommen gezahlt wurden. Banken müssten sich einen eigenen Eindruck von der finanziellen Situation ihrer Großkreditnehmer verschaffen. Wie das geschehen soll, erklärte Rügemer nicht.

Die Macht der großen Ratingagenturen ist noch ungebrochen. Ob sich in Zukunft Alternativen zu den Bewertungen dieser privaten Agenturen finden, hängt von den Entscheidungen der Politik ab. Es gibt einen Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung zur Gründung einer unabhängigen europäischen Ratingagentur.

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