Straffälligenhilfe – damit die Resozialisierung leichter fällt

Redaktion am 16. Mai 2012 - Keine Kommentare

Die diakonischen Werke in Stadt und Landkreis Osnabrück haben sich dieses Frühjahr zu einem gemeinsamen Diakonischen Werk zusammengeschlossen. Seit diesem Zeitpunkt ist die Straffälligenhilfe ein eigenständiger Geschäftsbereich. Dazu gehören die Anlaufstelle für Straffällige, die Wohngemeinschaft für Haftentlassene und das Fachzentrum gegen Gewalt. Die Straffälligenhilfe hat jetzt ihren Jahresbericht für 2011 herausgegeben. Am auffälligsten ist, dass die Anzahl der Betreuten um 65 Prozent gestiegen ist. Denn seit zwei Jahren bietet die Straffälligenhilfe auch Hilfe zur Haftvermeidung an. Mit diesem Projekt und mit den anderen Aufgaben der Straffälligenhilfe hat sich Julia Westphal beschäftigt:

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Am 01. Januar 2012 wurde das Diakonische Werk Stadt und Landkreis Osnabrück gegründet. Es ist ein Zusammenschluss der Diakonischen Werke in Osnabrück, Georgsmarienhütte und Melle. Auch die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Bramsche gehört dazu. Einer der eigenständigen Geschäftsbereiche ist die Straffälligenhilfe. Zu diesem Fachbereich gehören drei Schwerpunkte: Die Anlaufstelle für Straffällige, die Wohngemeinschaft für Haftentlassene und das Fachzentrum gegen Gewalt, kurz “faust”.

Das Fachzentrum faust beschäftigt sich mit Täterarbeit und Opferschutz. Es gibt zahlreiche Kursangebote zu den verschiedensten Themen rund um Gewalt. Das erklärt Burkhard Teschner, Geschäftsbereichsleiter für den Fachbereich Straffälligenhilfe:

“Die Kernaufgabe – und das läuft mittlerweile seit 10 Jahren – ist das so genannte Antigewalttraining. Wir führen in diesem Antigewalttraining in jedem Jahr zwei Kurse durch, die jeweils fünf Monate laufen. Hinzugekommen sind natürlich weitere Aufgabenbereiche wie der Bereich häusliche Gewalt, aber auch die Kurse, die wir anbieten für ein soziales Kompetenztraining, Deeskalationstraining, Rassismustraining. Und wir verstehen uns in diesem Fachzentrum auch als Ansprechpartner eigentlich zu allen Fragen zur Gewalt.”

Und das Fachzentrum weist einen hohen Erfolg auf. Die Anzahl der Täter, die wieder straffällig geworden sind, beläuft sich auf nur 15 %. Neben dem Fachzentrum faust gehört auch die Wohngemeinschaft für Haftentlassene zu einem Schwerpunkt der Straffälligenhilfe. Die Haftentlassenen bleiben in der Regel drei bis sechs Monate in der Wohngemeinschaft. Die Zeit in der Wohngemeinschaft soll den Straffälligen die Möglichkeit geben, sich leicht wieder an das Leben außerhalb der Haftanstalt zu gewöhnen:

“Man musss sich vorstellen, wenn jemand lange Zeit in Haft gewesen ist, dann braucht der doch auch eine relativ langfristige Begleitung, um im Leben wieder Fuß zu fassen. Um zu lernen, einen Haushalt zu führen, mit dem Geld umzugehen, Einkäufe zu tätigen, alles was dazu gehört. In der Zeit, wo die Bewohner in unserer Wohngemeinschaft sind, werden sie von zwei Mitarbeiterinnen hier im Hause betreut, und das heißt – man muss sich das so vorstellen – einmal in der Woche gibt es ein Gruppengespräch in der Wohngemeinschaft, es gibt Einzelgespräche in der Beratungsstelle hier im Diakonischen Werk, und wir führen für alle Bewohner, die bei uns betreut werden eine Geldverwaltung durch.”

Die Straffälligenhilfe hat in den letzten zwei Jahren eine erhebliche Entwicklung gemacht. Insgesamt wurden fast 600 Klienten betreut. Das bedeutet eine Zunahme von 65 Prozent. Zurückzuführen ist dies auf das Hilfsangebot zur Haftvermeidung, das es seit zwei Jahren gibt.

“Das Projekt Geldverwaltung statt Verbüßung von ersatzfreien Strafen ist sicherlich unser erfolgreichstes neues Angebot, was wir jetzt seit zwei Jahren vorhalten. Es ist so, dass wir mit den Betroffenen , die sich an uns wenden, eine Ratenzahlungsvereinbarung treffen und diese Raten dann an die zuständige Staatsanwaltschaft abführen. Die Betroffenen sind oft überfordert, sie haben den Überblick verloren, haben andere Schulden, und dadurch dass wir eben halt gewährleisten, dass die monatlichen Raten an die Staatsanwaltschaft überwiesen werden, wird verhindert, dass ein Zahlungsstopp eintritt, der dann unweigerlich irgendwann zum Haftbefehl führt und damit auch zur Inhaftierung!”

In etwa 200 Einzelfällen wurden Ratenzahlungen in Höhe von fast 44.000 Euro überwiesen. Damit wurden allein in Osnabrück über 2.500 Hafttage erspart. Doch gerade diese Hilfe zur Haftvermeidung stößt in der Gesellschaft auf Unverständnis. Und auch das Thema der Reintegration von Straffälligen in eine Gesellschaft ist ein großer Streitpunkt. Warum sollte Straffälligen geholfen werden? Dazu Teschner:

“Also, die Arbeit mit Tätern ist für die Gesellschaft eine ganz, ganz wichtige Herausforderung! Wenn man diesen Menschen nicht hilft, und ihnen nicht bei der Resozialisierung Unterstützung gewährt, dann ist natürlich die Gefahr, rückfällig zu werden, erneut straffällig zu werden, bedeutend höher, als wenn man sie begleitet. Es ist natürlich klar, keiner möchte unbedingt jemanden, der aus der Haft kommt, als Nachbarn haben. Aber man muss es so sehen, es sind häufig Menschen, die im Leben auch gescheitert sind, die im Leben nicht zurecht kommen. Und ich glaube, jeder der sich auch klar macht, dass man auch wegen eines Verkehrsdeliktes zum Beispiel, oder wegen Nichtzahlung von Unterhaltszahlungen in Haft kommen kann, denkt auch vielleicht noch mal anders darüber nach, dass hier auch Hilfe nötig ist!”

Das abschließende Fazit der Straffälligenhilfe lautet also: Täterarbeit ist Opferschutz.

In unserem Interview hat Herr Teschner auch auf den Fall in Emden verwiesen. Denn der zunächst Beschuldigte wurde auch massiv bedroht. Später stellte sich heraus, dass er gar nicht der Mörder des Mädchens war. Gerade solche Fälle sollen zeigen, dass auch Täter oder Scheintäter Hilfe brauchen. Und wenn Sie diese Art Hilfe brauchen, können Sie sich jederzeit im Diakonischen Werk in der Straffälligenhilfe in Osnabrück melden.

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