Autismus – was ist das eigentlich?

Redaktion am 20. Juni 2012 - Keine Kommentare

(Anmoderation:)

„Die Welt zerfällt in ihre Einzelteile“- sie nehmen ganz viel wahr und bekommen ganz viel mit, aber alles was sie aufnehmen steht ungeordnet nebeneinander, und sie erkennen nicht, was zusammengehört und was wichtig ist. Es handelt sich hierbei um Menschen mit Autismus. Den meisten fällt nun sicher der berühmte Film „Rain Man“ ein, in dem Dustin Hoffman einen Autisten spielt. Aber was ist Autismus eigentlich? Wirkt sich die Krankheit wirklich so aus wie im Film dargestellt? Jens Unnewehr ist der Sache auf den Grund gegangen, er war im Autismus Therapiezentrum in Osnabrück und hat sich erkundigt:

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Den eigentlichen Autisten gibt es nicht, zu umfangreich und vielfältig sind die Symptome der Menschen, die durch Autismus beeinträchtigt sind. Ist Autismus denn eine Behinderung? Wolfgang Rickert-Bolg, Diplom-Psychologe und  Psychotherapeut, beschreibt es so:

“Wir haben hier Klienten, die sehr, sehr unterschiedlich sind. Es geht einmal von Kindern bis zu Erwachsenen. Und es geht von Menschen, die sehr, sehr schwer behindert sind in dem Sinne und welchen, die einfach nur Schwierigkeiten mit ihrem Gegenüber haben. Da würde man gar nicht so direkt von Behinderung sprechen können, sondern der Begriff Behinderung meint in dem Zusammenhang, dass es halt nicht eine Krankheit ist, die man mit irgendwas behandeln kann und dann ist sie weg, sondern etwas, was die Menschen ein Leben lang begleitet. Was aber nicht heißt, dass man denen nicht helfen kann.”

Beim ganz ausgeprägten Autismus würde der Laie sich wundern, dass da jemand ist, der sich merkwürdig  bewegt und sich erst recht wundern, wenn er zu dieser Person keinen Kontakt bekommt. Er wird dafür keine Erklärung haben und dieser Mensch wird ihm vielleicht negativ auffallen. Autisten mit stark ausgeprägten Merkmalen, können manchmal Menschen sein,  die auf der Stelle plötzlich hüpfen, mit den Händen wedeln, die sich irgendwie auffällig verhalten. Weniger stark belastete Autisten könnte man  vielleicht erst im Gespräch die Symptome anmerken, zum Beispiel dass die Person vielleicht nicht in der Lage ist, auf das Gespräch einzugehen.


Das Einfühlungsvermögen ist gering und manchmal sagen sie auch verletzende Dinge, wie ein Kleinkind es tun würde und begreifen gar nicht, wie sie damit eigentlich umgehen müssten. Ein Weg den sie oft wählen ist, dass sie sich nur um Dinge kümmern, bei denen sie sich sicher fühlen. Das können Erzählungen von ihren Hobbys sein, die sie mehrfach wiederholen. Manchmal halten sie deswegen minutenlange Monologe, die gar nichts mit dem eigentlichen Gesprächsthema zu tun haben. Wie sieht denn eine Therapie aus, wenn die Person scheinbar unnahbar ist? Wolfgang Rickert-Bolg
erklärt den Weg zum Kontakt in der Therapie:

“Erstmal überhaupt einen Kontakt aufzubauen, und erstmal so nah an denjenigen ranzukommen, dass der mit dem Gegenüber sich austauscht. Und dann geht es darum, genau an den Stellen, wo etwas schwierig ist, was noch nicht so richtig klappt, auch Dinge einzuüben und neu zu üben. Bei den Fitteren ist das im Grunde auch so, also ich muss mich dem Kind, was jetzt mit Asperger hier ist, muss ich mich einfach als Person auch präsentieren, dass der nicht sein Spiel durchzieht und immer das Gleiche macht, sondern dass ich als Gegenüber noch da bin und dann merkt, dass ist gar nicht so schlimm, da auch mal den Impuls des Anderen zuzulassen, damit dann hinterher ‘ne Gemeinsamkeit entsteht. Und dann kann ich anfangen zu üben mit ihm zu erarbeiten, was geht in dem Anderen vor. Also, Gefühle erkennen, auf Gefühle eingehen, soziale Regeln lernen und solche Geschichten!”

Es ist immer eine Mischung aus Pädagogik und Therapie, ein wichtiger Förderaspekt, der immer im Mittelpunkt steht. 1981 wurde der Verein  Autismus Osnabrück  von Eltern mit autistischen Kindern gegründet, der auch Träger des Therapie-Zentrums ist.  In den  über 30 Jahren, seit der Entstehung des Vereines, zeigen sich zu der dazu gewonnenen Erfahrung auch Erfolge:

“Auch wenn Autismus nicht heilbar ist, haben wir doch eine ganze Menge Erfolgserlebnisse. Wobei man immer gucken muss, was ist für den Einzelnen Erfolg. Also, wenn einer sehr, sehr schwer behindert ist, wenn der es schafft, irgendwann als junger Erwachsener gut integriert zu werden in einer Werkstatt und da einen Wohnort irgendwo zu finden, wo er sich wohl fühlt, also, dann ist das schon mal ein großer Erfolg! Und da haben wir schon einige, die das geschafft haben, dann irgendwann auch einen Beruf zu finden, wo sie sich wohl fühlen.”

Autisten sind sozial sehr eingeschränkt. Während andere Behinderte Gruppen bilden und zusammen auch die Freizeit gestalten, ist es bei Autisten durch ihre Veranlagung schon schwieriger. Deswegen haben sich die Therapeuten überlegt „wir bringen eine Gruppe, die weniger belastet ist, zusammen und sehen was passiert“. Und wie vertragen sich Autisten untereinander?

“Wir erleben im Moment eine recht große Resonanz, dass die also schon Spaß haben und immer wieder berichten, dass ist ‘ne gute Sache gewesen, und so! Die suchen alle so ihre Grenzen, wo ihnen das auch zu viel wäre, aber sie organisieren sich und machen was zusammen.”

Viele interessiert vielleicht, ob Autisten wirklich so hochbegabt sind, wie es im Film dargestellt wird? Mit weit über 100 Klienten hat das Therapie-Zentrum langjährige Erfahrungen:

“Na ja, das sind immer Teile, das sind so Versatzstücke von dem, was Menschen mit Autismus auch haben. Das macht’s ja interessant, wenn man diese  Merkwürdigkeiten hat. Nicht, – dieser Rainman, der mit einem Blick sieht, wie viele Streichhölzer das sind. Also, das macht was her, und dann wird das im Film natürlich so zusammengepuzzelt. Aber manche der Teile, die passen durchaus. Also, Rainman, der auf der Ampel steht und dann irgendwie nicht weitergehen will, weil da auf einmal steht: Don’t walk! Also, jemand, der ‘ne Regel gelernt hat und sich dann sklavisch dran hält, weil er nicht das zusammenbringen kann, wann ist die Regel denn richtig und wann nicht. Das passt durchaus! Das nehm’ ich immer gerne für Fortbildungen, die ich gebe, weil das so ein schönes Beispiel ist. Solche Leute haben wir hier durchaus!”

Der Verein kann seine vielseitigen Aufgaben nur mit Unterstützung seiner Mitglieder und Förderer erfüllen. Sogar der Vorstand besteht aus betroffenen Eltern, die ehrenamtlich die Geschäfte des Zentrums leiten.

(Abmoderation:)

Nach internationalen Untersuchungen geht man davon aus, dass von 10.000 Menschen mindestens 25 vom Autismus betroffen sind. Überwiegend sind Männer von Autismus betroffen, nur jede 5. Person ist weiblich. (Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen beträgt etwa 4:1. Bleibt zu hoffen, dass dieser Beitrag wieder ein Stück mehr zum Verständnis von Autismus beitragen kann.

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