Fachkräftemangel im Handwerk schon heute problematisch

Redaktion am 6. Juli 2012 - Keine Kommentare

(Anmoderation:)

Egal ob in der Wirtschaft, auf den Finanzmärkten oder bei der Staatsverschuldung – seit Jahren werden die Folgen der globalen Krise immer deutlicher sichtbar. Doch nicht überall schreibt man rote Zahlen: Während der Euro schwächelt, erlebt das Handwerk seit einigen Jahren einen regelrechten Boom. Die Umsätze steigen, für viele Unternehmen ist die wirtschaftliche Lage so gut wie schon lange nicht mehr. Warum viele Handwerksbetriebe trotzdem Schwierigkeiten haben, ihre Aufträge zu erfüllen, darüber hat sich Ingo Feil für osradio 104,8 informiert:

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Eine aktuelle Studie zum Thema Fachkräftemangel zeigt: In keinem anderen Bereich haben Unternehmen größere Schwierigkeiten, ausgebildete Fachkräfte zu finden als im Handwerk.  Eine absurde Situation. Während überall Wirtschaft und Finanzen leiden und die Arbeitslosigkeit hoch ist, sind im Handwerk trotz steigender Umsätze Ausbildungsplätze und Stellen für Fachkräfte immer schwieriger zu besetzen. Oft entscheiden sich junge Menschen nach der Schule lieber für eine Ausbildung in der Industrie. Ein Sachverhalt, der auch tarifliche Gründe hat, so Astrid Herkenhoff, Obermeisterin der Elektro-Innung Osnabrück:

“Wir haben ‘ne Riesenproblematik, dass viele junge Leute, die Realschule verlassen oder die Hauptschule oder die Oberschule und oftmals wirklich definitiv nicht wissen, ja was mach’ ich denn jetzt eigentlich? Somit greift natürlich auch im Moment die Problematik, dass die Industrie uns wahnsinnig die Azubis abgrast, und somit bedeutet es, dass wir als Innung massivst angehalten sind, zum Beispiel recht frühzeitig im achten, maximal neunten Schuljahr die Klassen aufzusuchen, Messen zu veranstalten. Wir haben jetzt bei der letzten Jahreshauptversammlung eine Art Forum gegründet, das ist noch in den Startlöchern, dass wir einfach sagen, wie müssen als Innung zusammenhalten, weil – ob es den kleinen oder den großen Betrieb betrifft – die Problematik ist identisch!”

Zwar verursachen Azubis durch Schulungen und überbetriebliche Lehrgänge zusätzliche Kosten für die Betriebe, trotzdem ist das Handwerk dringend auf den Nachwuchs angewiesen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Unternehmen groß oder klein sind – alle haben mit dem Mangel an Azubis und Fachkräften zu kämpfen. Der Handlungsbedarf ist groß, doch viele handwerkliche Betriebe fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Oft haben Gesetze und Regelungen auf dem Papier nur wenig mit den realen Nöten der Unternehmen zu tun.  Auch der Unterricht an berufsbildenden Schulen müsste dringend verbessert werden. Immer wieder entfallen Unterrichtsstunden bedingt durch einen chronischen Lehrermangel. Doch die Betriebe bekommen auch andere Nöte der Auszubildenden zu spüren. Dazu noch einmal Astrid Herkenhoff:

“Es gibt leider immer wieder Familien, wo wir feststellen, dass ihnen wirklich egal ist, was aus den jungen Leuten wird. Die kümmern sich nicht, und da sind wir Betriebe natürlich auch gefordert, das ein Stück weit aufzufangen. Weil, dass ist oft auch ein mangeldes Selbstbewusstsein, was sie haben. Bedingt dadurch, dass sie es in der Familie nicht kennen gelernt haben. Das ist natürlich auch ein Appell an die Betriebe, an die Obermonteure, an die Geschäftsleitung, dass man die Leute wirklich an die Hand nimmt. Dass man sagt, hey, du kannst hier auch Fehler machen, da wird dir keiner den Kopf dafür abreißen – wir erklären es dir solange, bis du es verstehst!”

Gute Arbeitskräfte zu behalten, ist für die Handwerksbetriebe oft nicht einfach. Gerade bei öffentlichen Ausschreibungen ist der Wettbewerb untereinander extrem. Während gute Arbeit gut bezahlt sein will, erwarten die Kunden möglichst niedrige Preise. Ohne Azubis und einen vernünftigen Mischlohn kann der Spagat zwischen beiden Seiten kaum hergestellt werden. Ein Problem, das gerade in der Elektro-Branche allgegenwärtig ist, so Astrid Herkenhoff:

“Das Problem ist, – ich kann das zum Beispiel verstehen, wenn jemand ein neues Bad hat, da ist jeder stolz wie Oscar, und sagt, komm’ ich zeig dir mein neues Bad! Keiner sagt, ich zeig’ dir die neue Verteilung. Dass mit dieser Verteilung erst es überhaupt möglich ist, dass das schöne Licht im Bad angestellt werden kann, das vergessen die Leute. Und deswegen ist gerade unser Stand relativ gefährlich, weil der Kunde einfach nicht sieht, dass ohne uns einfach gar nichts machbar ist. Aber weil man’s schön hinter der Wand verpackt, weil wir ja so sauber und ordentlich arbeiten, darf das auch nichts kosten. Man sieht es ja nicht! Und Strom kam schon immer aus der Steckdose.”

(Anmoderation:)

Durch die demographische Entwicklung wird sich der Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft noch weiter verschärfen. Schon jetzt warnen Experten davor, dass sich die Situation bereits in wenigen Jahren so weit verschlimmert haben wird, dass Unternehmen fast nicht mehr in der Lage sein werden, die angebotenen Stellen überhaupt zu besetzen.

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