Die Geschichte von St. Johann

Redaktion am 10. Juli 2012 - Keine Kommentare

(Anmoderation:)

Wenn Sie in der Johannisstraße in Osnabrück sind, dann schauen Sie doch mal auf das Gebäude mit den hohen Mauern links neben der Johanniskirche. Es ist die St. Johann Behindertenhilfe und seit fast 300 Jahren eine soziale Einrichtung. Hinter diesen Mauern teils versteckt kümmern sich aufopfernd die Heilerziehungspfleger und Pflegerinnen, Kinderkrankenschwestern und andere Fachkräfte um die Bewohner. Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung oder Mehrfachbehinderung und schwersten Behinderungen mit Folgekrankheiten. Jens Unnewehr hat den Leiter der Einrichtung getroffen und sich mit ihm über die Entstehung und Geschichte unterhalten:

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Der Dreißigjährige Krieg ist erst gute 80 Jahre her. Es ist immer noch die Zeit der Hexenverfolgung, und auch die Angst, dass die Pest wiederkommt, ist groß. Das Osnabrücker Rathaus ist schon über 100 Jahre alt und das Osnabrücker Schloss feiert bald seinen 50. Jahrestag, doch vorher stirbt der König von England, George I. darin. Es ist nicht gerade die Zeit der Nächstenliebe und Fürsorge. Justus Möser ist gerade 6 Jahre alt, als in Osnabrück durch eine Stiftung der Freifrau von Steffen, die erste soziale Einrichtung im Bistum eröffnet wird. Ludwig Klein, Leiter der St. Johann Behindertenhilfe über die Anfänge dieser Einrichtung:

“Entstanden ist die Einrichtung durch eine Stiftung. Das war die Freifrau von Steffen, die mit einer Erbschaft, die sie gemacht hatte, und mit weiteren Stiftern und Sponsoren diese Einrichtung hier an diesem Ort neben der Johanniskirche aufgebaut hat.”

Bis 1851 wurden im Waisenhaus die Kinder von Waisenvätern- und Müttern versorgt, bis schließlich durch den Waisenhaus-Streit und eine pädagogische Reformbewegung Ordensschwestern die Erziehung der Kinder übernahmen. Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte änderten sich die Betreuungsformen und auch die Anzahl der Waisenkinder:

“Wie alle anderen Einrichtungen und Institutionen, die so lange existent sind, hat sich die Intention, die Inhalte und der Umfang der Arbeit hier kontinuierlich geändert und sich dem Zeitgeist auch angepasst. Also, da gab es schon je nach Zeit Veränderungen in der Struktur und der inhaltlichen Ausrichtung der Arbeit.”

Gründe dafür waren zum Beispiel Kriege, die Industrialisierung und Armut. 1917 lebten bis zu 132 Kinder aller Altersstufen dort. 1931 wurde im St. Johann eine Kinderkrankenpflegeschule eröffnet. Junge Frauen hatten die Möglichkeit, sich im St. Johann um die Säuglinge zu kümmern oder im Marienhospital kranke Kinder zu pflegen. Der 2. Weltkrieg und der Nationalsozialismus verschont die Kinder und die Einrichtung nicht:

“Die Dokumente, die hier im Haus waren, sind im 2. Weltkrieg durch die Bombardierung mit Brandbomben zerstört worden. Also, das Archiv, das hier noch vorhanden ist, ist spärlich, und das Meiste, was vor dem 2. Weltkrieg gewesen ist, wissen wir nur aus Erzählungen und Berichten, die anderswo waren. Natürlich haben die Zeiten auch diese Einrichtung nicht ausgeklammert. Es gab auch hier Kinder, die zum Beispiel durch die Verfolgung, durch den Nationalsozialismus aus der Einrichtung herausgeholt wurden und in Lüneburg umgebracht worden sind!”

Kinder die unter dem Schutz der St. Johann Einrichtung standen wurden verschleppt und ermordet. „Es war eine schlimme Zeit für diese Einrichtung“, sagt der Leiter von St. Johann Ludwig Klein. Heute ist aus der Kinder- und Jugendhilfe neben der Johanniskirche die Behindertenhilfe geworden. Leider fehlt aber die Anerkennung:

“Diese Einrichtung hat hohe Mauern rundherum. Ich denke, dass auch heute viele Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger nicht wissen, was hinter diesen Mauern geschieht. Und ich glaube nicht, dass es in den Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten mittlerweile anders war. Es gab Bereiche des Lebens, die ausgeklammert wurden – das war gestern so, und das ist auch heute so!”

Das fast 300 Jahre alte, denkmalgeschützte Haus der St. Johann Behindertenhilfe soll nun ergänzt werden. Direkt dahinter wird ein neues Gebäude errichtet, modern und barrierefrei soll es für die teils Schwerstbehinderten ein neues gemütliches Zuhause werden.

(Abmoderation:)

Das alte Schulungs- und Wohngebäude aus den 1970er Jahren auf dem Grundstück des Bischöflichen Stuhls wird abgerissen. Das neue Gebäude soll allerdings ca. 4 Millionen Euro kosten, die u.a. auch durch Spenden gedeckt werden müssen. Die St. Johann Behindertenhilfe hat einen Förderverein gegründet, in dem jeder – der Interesse hat – Mitglied werden kann. Infos finden Sie unter: www.st-johann-behindertenhilfe.de oder unter der Telefonnummer 0541 / 33 87 70.

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