Kann Sport zur Sucht werden?

Redaktion am 23. Juli 2012 - Keine Kommentare

(Anmoderation:)

Sport ist gesund, Sport stärkt den Körper und das Immunsystem, und Sport setzt Glückshormone frei. Aber Sport kann auch zur Sucht werden. Zwar handelt es sich bei der so genannten Sportsucht um eine nicht offizielle Sucht, wie Alkohol- oder Drogensucht. Dennoch steigt die Zahl derjenigen, die unter Sportsucht leiden vor allem in den USA stark an. In den Fitnessstudios werden sie „permanent residents“ – oder übersetzt “ständige Besucher” genannt. In Deutschland kann über die Zahl der Sportsüchtigen nur spekuliert werden. Konkrete Zahlen gibt es nicht. Die Dunkelziffer liegt aber bei einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Detlef Beier und Michael Baumann haben sich einmal näher mit dem Thema auseinandergesetzt:

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Der sportliche Ehrgeiz nimmt überhand, wenn er zur Belastung für Körper und Seele wird. Wie bei jeder anderen Sucht kann es auch bei Sportsüchtigen zu Entzugserscheinungen kommen, wenn das tägliche Trainingspensum ausbleibt. Das gesamte Leben wird dem Sport untergeordnet. Soziale Vereinsamung ist die Folge. Das bestätigt auch Dirk Litzberski-Otten, Fachstellenleiter für Sucht und Suchthilfe in Melle:

“Also, zunächst muss man natürlich sagen, Sport hat viele positive Wirkungen, und auch für unsere Patienten empfehlen wir den Sport. Das Problem wird dann zum Problem, wenn es entgleitet, wenn nicht mehr klar ist, wo die eigenen Grenzen sind. Und wenn bestimmte Möglichkeiten der Teilhabe zum Beispiel am kulturellen und sozialen Leben dadurch eingeschränkt werden.”

Wie bei vielen anderen Süchten auch, verläuft der Übergang oft schleichend. Auslöser sind körpereigene Botenstoffe wie das Glückshormon Endorphin und Adrenalin, die dem Sportler seinen „Kick“ geben. Der Sportsüchtige strebt dieses Gefühl immer häufiger an und möchte seine Leistungen ständig verbessern. Er wächst am Erfolg und ist stolz, wenn es für Ihn höher, schneller und weiter geht. Aber ab welchem Maß wirkt Sport nicht mehr gesundheitsfördernd. Dazu der Mannschaftsarzt der Sportfreunde Lotte Dr. Clemens Kruse:

“Die Dosis macht das Gift – gilt auch hier. Man kann es mit Sport übertreiben, und man erlebt das natürlich auch, dass Menschen, aus unserer Sicht Patienten, so viel Sport machen, dass es ihrer Gesundheit nicht mehr entgegenkommt. Schmerzen, Warnsignale des Körpers werden ignoriert – das heißt die ersten Verschleißsignale sind da, der Patient spürt auch bereits die Beschwerden, will das aber so nicht wahrhaben und macht auf Volldampf weiter!”

Die Ursachen für Sportsucht liegen häufig im Alltag der Betroffenen. Der Sport wird als Ersatz für Probleme und Erfolglosigkeit im Beruf oder in anderen Lebensbereichen benutzt. Über das Extremtraining finden Sportsüchtige die Anerkennung, die ihnen sonst verwehrt bleibt. Schuld sind nicht selten die Medien. Die Werbung gibt vor, wie wir idealer Weise auszusehen haben. Männer mit einem muskulösen Superkörper und Frauen mit Traumfiguren:

“Feststellen kann das jeder, der durch die Straßen fährt, diese Geräte-Center boomen. Viele davon sind sportmedizinisch gut betreut und sporttherapeutisch begleitet, aber natürlich gibt es auch reine – so genannte Muckibuden – die am Ende auch nicht schlecht sind, aber in denen es durch die fehlende sporttherapeutische Begleitung leichter möglich ist, dass jemand es übertreibt und für Dinge trainiert, die eigentlich nur sekundär sind. Also, das reine Trainieren auf Optik ist problematisch, wenn dem alles untergeordnet wird und wenn dann vielleicht noch leistungsfördernde Medikamente dazu genommen werden.”

Noch gefährlicher wird es wenn das Extrem-Training nicht zum gewünschten Erfolg führt. Die Folgen können Essstörungen bis hin zu Magersucht und Bulimie sein. Besonders in Sportarten wie zum Beispiel Turnen und Ballett oder Sportarten mit Gewichtsklassen wie zum Beispiel Boxen, leidet ein höherer Anteil der Sportler an einer Essstörung. Diesen Trend beobachtet auch Sarah Lenger vom SC Melle-Aktiv:

“Das fällt auch auf, dass es mittlerweile viele – gerade junge – Mädchen gibt, die sehr, sehr schlank sind und dann halt auch noch ihr Training machen. Da denk’ ich schon, dass die Gefahr ist, Richtung Ernährung, also falsche Ernährung, Mangelernährung. Bei den Jungen geht es eher so ins andere Extrem halt, möglichst viel Muskeln – und wie ist egal -, was dann einfach strukturschädigend ist. Die Mädchen gehen dann eher Richtung “nicht essen”.”

Die Folgen einer sportlich bedingten Essstörung können durch die zusätzliche körperliche Belastung bis hin zum Herzstillstand führen. Doch wie viel Sport in der Woche ist denn nun gesun? Dazu noch einmal zwei Meinungen von Sarah Lenger und Dr. Clemens Kruse:

(Sarah Lenger:)

“Mann sollte Sport in Maßen treiben. Wichtig ist laut Weltgesundheitsorganisation, wo wir uns im Gesundheitssport dran halten, drei Mal die Woche jeweils 90 Minuten. Davon 45 Minuten Ausdauer und 45 Minuten Krafttraining. Alles was dann so danach den Rahmen sprengt, geht dann schon in dem Sinne in den gefährlichen Bereich.”

(Dr. Clemens Kruse:)

“Das ist sehr individuell. Viele vertragen alles, andere vertragen nicht so viel, und da muss jeder seinen Weg finden. Und im Zweifelsfall eben auch die Signale des Körpers beachten, um langfristig Schäden zu vermeiden!”

(Abmoderation:)

Wir möchten Sie natürlich mit unserem Beitrag nicht verunsichern. Sie dürfen Ihren Sport gerne auch weiterhin betreiben. Nur sollten Sie darauf achten, es wirklich in Maßen und mit Bedacht zu machen. Wie in vielen anderen Lebensbereichen, so gilt auch beim Sport: weniger ist manchmal mehr. Schließlich braucht der Körper seine Erholungsphasen. Zudem sollten Sport und Ernährung idealerweise im Einklang stehen.

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